Der Tonaufbau einer Glocke

Da die Form der Glockenrippe vor dem Guss schabloniert wird, ist die Form der Glocke nie ganz exakt, was natürlich Auswirkungen auf das Klangbild und die Schlagtonhöhe hat. Musikalisch sind diese Abweichungen nicht mehr tolerierbar, daher ist es unausweichlich die Glocken nach dem Guss zu stimmen. Das Höherstimmen ist nur sehr begrenzt (das Auftragen von Material durch Schweissung oder Elektrolyse um die Wandstärke zu vergrössern ist äusserst schwierig), das Tieferstimmen theoretisch ziemlich unbegrenzt möglich. Solche Tonkorrekturen waren aber erst nach ausführlichen systematischen Studien der Stimmungsmöglichkeiten möglich. Es kann dabei nicht nur der Schlagton, sondern auch das gesamte Klangbild verändert werden, allerdings sind dazu eine besonders genaue Kenntnis der Rippenform und auch eine genau Messmethode nötig.


Nachfolgend als Beispiel eine Expertise des Glockenexperten C. Graber vom 3. Sept. 1974 für die Glocken des Basler Münsters. Untenstehendes Klangbild zeigt die Abweichungen in Sechzehnteln eines Halbtonschrittes (1/16 HT) nach oben bzw. nach unten von der temperierten Stimmung, wobei a’=335 Hertz:



Als Vorschlag für eine Tonkorrektur fügt er an:

„Sicher war es für die damalige Zeit auch für Meister Keller nicht leicht, ein solch grosses Geläute zu einer bestehenden Glocke zu giessen. Trotzdem befriedigt sein Werk bezüglich der Schlagtonreihe nicht. Es muss hier aber noch ausdrücklich gesagt werden, dass seine Glocken klanglich ansonsten sehr schön gerieten. Wir sprechen nun im folgenden aber von der Tatsache, dass sein neues Geläute im Verhältnis zur alten Heinrichsglocke (des’) viel zu hoch herauskam, mit Ausnahme der Glocke b0. Weshalb der Meister die Glocken in seiner Giesserei nicht entsprechend nachstimmte, wie es andernorts und heute ohnehin überall selbstverständlich ist, kann nur dadurch erklärt werden, dass man in der Schweiz darin zuwenig Erfahrung hatte, oder die unsinnige Meinung vertrat, die Gusshaut einer Glocke dürfe unter keinen Umständen ‚verletzt’ werden, ansonsten der Klang darunter leide. [...]

Beide grossen Glocken bilden fast schon eine Moll-Terz statt eine solche in Dur, wie vorgesehen war. Der Quintabstand von Glocke ges0 (+ 1/16 HT) zu Glocke des’ (-8/16 HT) ist stark vermindert. Gerade Quarten und Quinten sollten möglichst rein sein. Dieser Fehler ist auch nach einer allfälligen Korrektur nicht ganz auszumerzen, da die Heinrichsglocke des’ als historische nicht angetastet werden sollte, zumal sie im Klangaufbau ihrer Harmonietöne die reinste aller Glocken ist (Schlagton, Prim = Resonanz, Unteroktave sind fast deckungsgleich). Bei den Kellerschen Glocken fällt auf, dass die Resonanzen, die den Schlagton decken sollten, einiges unter diesem liegen. „


1. Der Schlagton
Der Schlagton ist der vorherrschende Schlagklangeindruck, den eine Glocke beim Läuten oder Anschlagen hervorruft. Er bestimmt die Tonhöhe der Glocke in einem Geläute. Physikalisch kann er nicht ermittelt werden, sondern lediglich mit dem Ohr.

2. Die Durterz
Bis vor kurzer Zeit waren Mollterzglocken vorherrschend, da man bei früheren Durglocken immer einen unreineren Klangaufbau als bei den meisten Mollglocken hatte. 1958 gelang es Wilhelm Bröcker dann eine solche Durglocke zu giessen. Viele Autoren empfanden die Durglocke zuerst als weniger schön, denn noch keiner hatte zuvor eine Gehört und ihr Ohr hatte sich schon an den Mollklang gewöhnt.

3. Die Glockentypen
Es besteht keinerlei Zusammenhang der Form der Glockenrippe mit den Stilarten der verschiedenen Epochen wie etwas bei Glockenverzierungen und -beschriftungen, denn bereits im 14. Jahrhundert war die Entwicklung der Rippenformen abgeschlossen. Verschiedene Giesser haben ihren eigenen Glockentyp bevorzugt und auch nur diesen produziert.

Um die Glocke in ihren Typ einzustufen, ist das Intervall entscheidend, das der Schlagon zum tiefsten Ton der Glocke, dem Unterton, bildet.



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