Die Glocke im Volksglauben

Zwischen der christlichen und der heidnischen Volksauffassung über Glocken besteht kein wesentlicher Unterschied. Bei beiden hat sie eine apotropäisch-prophylaktische Wirkung, einzig die Persönlichkeiten dieser Dämonen, die sie abwehren soll, unterscheiden sich: nach christlicher Auffassung sind es vorallem der Teufel und seine Gehilfen, die ferngehalten werden.

Um ihre Wirkung zu tun, muss eine Glocke aber erst durch Weihe vom Heidentum ins Christentum überführt werden, denn eine nicht geweihte Glocke ist der Macht des Teufels unterworfen.

Heilmittel in Volksmedizin und Zauber
Wie auch vielen anderen Gegenständen der Kirche werden auch der Glocke wunderbare Kräfte zugeschrieben und die konsequente Weiterführung dieses Gedankens erhebt die Glocke schliesslich selbst zur Gottheit, deifiziert sie. Bald findet sie auch Verwendung als Heilmittel in der Volksmedizin und im Zauber:

Wirkung
  • Das Schreiben des Namens an die Glocke
  • Hilft gegen Heiserkeit, bei verlorener Stimme, gegen Ohrenschmerzen, wenn Kinder schwer sprechen lernen oder das Bett nässen.
  • Glocke auf den Kopf setzen (Berührung)
  • Bringt dem Kranken Heilung
  • Aus der Glocke trinken
  • Verleiht dem Kind baldiges Sprechvermögen, ist im Wetterzauber wirksam. Glockenwasser erleichtert die Geburt
  • abgefeiltes Metall
  • Hilft gegen die "fallende Sucht" und gegen Fieber. Wird auch den Kühen eingegeben um sie vor Krankheit zu schützen und den Milchertrag zu steigern.
  • Waschen mit Wasser, in welchem der Glockenschwengel gewaschen wurde
  • Hilft gegen Seitenstechen
  • Teile eines gestohlenen Gutes um den Klöppel wickeln
  • Hilft im Diebeszauber
  • Ring, der den Klöppel trägt
  • Schützt vor Zauberei und Krankheit
  • Glockenschmiere oder Glockenschmalz
  • Hilft bei Brüchen, Hämorrhoiden, Rachitis,Schwerhörigkeit. Taubstumme erlangen dadurch die Sprache. Wunden verheilen.
  • Glockenstrang dem Kinde nach der Taufe auf den Mund gelegt
  • Ein Geldstück in den Glockenstrang hineigedreht
  • Hilft gegen Fieber
  • Rauch vom Verbrennen oder Verglühen kleine Stücke des Stranges
  • Hilft gegen Ohrenschmerzen
  • Seilstückchen in ein Säckchen genäht und dem Kinde um den Hals gehängt
  • Erleichtert dem Kind das Zahnen
  • Der trächtigen Kuh ein Stück Seil zu fressen geben
  • Wirkt sich günstig auf die Entwicklug des Kalbes aus.
    ("das Anbinden des Kalbes in der Kuh")
  • Glockenstrang und -riemen um Arm und Hand wickeln
  • Ermöglicht es zur Nachtzeit auf dem Friedhof arme Seelen fangen zu können.

    Die Glocke ist Herrin ihrer Stimme und ihrer Bewegung
    Die Glocke verlässt nur ungern ihren gewohnten Aufenthaltsort. Sie wehrt sich gegen das Fortschaffen indem sie ins Wasser oder in die Erde versinkt oder am neuen Ort nicht mehr oder nur noch schlecht läutet oder gar zerspringt.

    Sie kann auch von sich aus Läuten ohne menschliches Zutun. Die gestohlene Glocke will gerettet, die versunkene gefunden werden.

    Wird die Glocke gewaltsam an einen Ort gebraucht, der ihr nicht gefällt oder wenn sie missbräuchlich geläutet wird kann sie auch eigensinnig verstummen und durch keine menschliche Gewalt zum Läuten gebracht werden. Sie kann aber auch von selbst ihren Ort verlassen, zum Beispiel bei einem Brand oder weil sie ungeweiht aufgehängt wurde.

    Die Romreise der Glocke in der Karwoche
    Drei Tage vor Ostern sterben alle Kirchenglocken und fliegen nach Rom, um erst am Karsamstag zurückzukehren und die Auferstehungsfeier einzuläuten. Es gibt verschiedene Begründungen für ihren Aufenthalt dort: Sie fliegen nach Rom, um zu beichten, vom Papst gesegnet oder geweiht zu werden, mit dem Papst Mahlzeit zu halten, Milchbrot zu essen, Kaffee zu trinken, um die Ostereier zu holen, die sie bei ihrer Rückkehr ins Gras werfen.



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