Heiliger Bimbam!
Viel Lärm um die Glocken - Das kirchliche Geläut weckt Emotionen. In zahlreichen Zürcher Gemeinden ziehen lärmgeplagte Anwohner gegen das "störende Betsignal" vor Gericht. Doch in den Kirchenglocken schwingt eine tiefe Symbolik mit: Sie rufen zum Frieden, ihr Verstummen bedeutet Krieg.

Die Rufer Gottes
(von Rea Rother)
Die Emanzipation der Frauen war gerade voll im Gange, als die angesehene Gemeindehelferin in Winterthur starb. Die Frauengruppe at den Pfarrer, dafür zu sorgen, dass in Anbetracht der besonderen Verdienste der Verstorbenen an der Beerdigung nicht wie üblich die kleinere "Frauenglocke", sondern die gewichtigere "Männerglocke" geläutet wird. Doch die Kirchenpflege wie der Sigrist waren dagegen. Es dauerte in Winterthur wie in anderen Zürcher Kirchgemeinden noch Jahre, bis sich auch beim Läuten die Gleichberechtigung durchsetzte: Heute ertönt bei weiblichen wie männlichen Begräbnissen die grosse Glocke. Und nur wer ganz genau hinhört,ernimmt die feine Variation in den Intervallen,womit man dennoch einen kleinen geschlechtsspezifischen Unterschied verlauten lösst.

Geisterschreck und Betsignal

Wer sich eingehender mit der Geschichte der Glocken b efasse, der wisse, "dass über die Bedeutung und Vewendung des kirchlichen Geläuts immer wieder Streitereien entbrannten", erklärt Hans Jürg Gnehm. Als Glockenexperte und schweizerischer Vertreter des Beratungsausschusses für das deutsche Glockenwesen kennt er aber auch die erfreulichenSeiten dieser edlen Freiluftinstrumente.Und wo immer er zu einer verstimmtenGlocke oder einer Bestandesaufnahme in die Gemeinden gerufen werde, versuche er zu vermitteln, "welch hoher kultureller Wert und welch tiefe Symbolik in jedem Kirchengeläut steckt".

Die ersten Glocken stammen aus China und waren - aus Blech geschnmiedet - kein Ohrenschmaus. Sie sollten böse Gester vertreiben und im religiösen Ritus kultische Stätten schützen. Das frühe Christentum lehnte solches "Gebimmel" wegen seiner heidnischen Bedeutung zunächst ab. Doch mit den irischen Mönchen und der Entstehung von Klöstern hielten die Glocken in Form von metallenen Handschellen und goldenen Wandglöckchen auch hierzulande Einzug. Sie dienten als Signalgeber, um die Mönche von der Arbeit zu den täglichen Gebetszeiten und Gottesdiensten zu rufen, und prägten weit hörbar den klösterlichen Lebensrhythmus. Ein Brauch, der bald auch von den Kirchen des gemeinen Volkes übernommen wurde.

Symbol der Vergänglichkeit

Als "Rufer Gottes" ermahnten die Glocken morgens, mittags sowie zuresper,Dämmerung und Schlafenszeit zum Gebet. Ihr über die Dächer schallendes Schlagen regelte den Tagesablauf und erinnerte die Menschen an die Zeitlichkeit ihres Daseins, erläutertJoachim Wanke, Bischof in Erfurt und Mitautor des Buches "Glocken in Geschichte und Gegenwart". Mit dem Ein- und Ausläuten des Sonntags und der Gottesdienste verliehen die "klingenden Tonschwingen" den kirchlichenFeiern einen würdevollen Rahmen. Als akustisches Wahrzeichen der Präsenz Gottes spendeten die Glocken auch all jenen Trost, die sich einsam, krank und verlassen fühlten. Und sie begleiteten jeden einzelnen Menschen in seinen elementaren Lebensphasen von der Taufe, Konfirmation, Hochzeit bis zum Tod.

Der durchdringende Glockenklang prägte sich tief in die menschliche Seele ein. Mit Friedrich Schiller ("Die Glocke") oder Ernest Hemingway ("Wem die Stunde schlägt") widmeten namhafte Schriftsteller ihre Werke dem kirchlichen Geläut und knüpften damit an eine lange Reihe von literarischen Glockenverehrungen an.

Anmutige und misslungene Glocken

Der laute, schwere Klang der mittelalterlichen Glocke ist mit dem heutigen mehrstimmig differenzierten Kirchenläuten kaum vergleichbar. Seit 1100 n.Chr. wurden die Glocken in Bronze gegossen. Doch bis zur handwerklichen Vollendung der typischen Glockenform - der gotischen Rippe - mit ihrem weit reichenden Klangvolumen bedurfte es noch Jahrhunderte. Ihr Ton besteht aus dem primären Schlagton und den so genannten Heultönern, die zusammen einen Dreiklang bilden. Ein Frequenzgemisch, das erst in unseren Ohren entsteht und gemäss neuesten Studien auch nicht von allen Menschen gleich wahrgenommen wird: Was die einen als anmutiger Wohlklang anspricht, könnte für andere also tatsächlich nur noch ein betörendes Gongen oder Dröhnen sein.

Doch es gibt auch misslungene Glocken, die aufgrund eines Herstellungsfehlers "heiser" oder "flach" klingen oder nicht richtig auf die anderen Glocken im Kirchturm abgestimmt sind. - Dissonante Zufallstöne finde man auch im Zürcher Raum recht häufig, bestätigt Hans Jürg Gnehm. "In vielen Kirchen hat sich das Geläut irgendwie einfach im Laufe der Zeit zusammengeläppert." Es störte sich auch niemand daran, so der Glockenfachmann. Denn "die Idee der reinharmonischen Töne" kam erst im 19. Jahrhundert auf.

Reizvoll schräge Zwischentöne

Schliesslich begann man, die verschiedenen Glocken im Kirchturm wie auch die nahe gelegenen Kirchen untereinander - mit Vorliebe in der Dur-Tonart - gegenseitig abzustimmen. In der Stadt Zürich erfolgte ab Mitte 19. Jahrhundert die Harmonisierungder damals noch ziemlich wirr durcheinander schallenden Glockenklänge. Sämtliche Stadtkirchen wurden bei Sanierungen oder Neuzugängen der B-Tonart der Kirche St.Peter, die als Urgeläut gilt, angeglichen. "Nur das Grossmünster kippt da mit seiner eigenwillig ausdrucksstarken Beseeltheit immer noch raus", mein Hans Jürg Gnehm. Doch inzwischen sei man ohnehin wieder etwas von diesem Harmonie-Bestreben abgekommen. Denn gerade ein "schräger Zwischenton" - wie man dies beispielsweise in Ossingen, Wetzikon, Waltalingen, Bäretswil, Oetwil am See oder ganz speziell bei der Klosterkirche Rheinau findet - mache den Reiz und die musikalische Spannung eines Geläuts aus. Und die typisch melancholische Molltonart der Glocke wird wieder geschätzt.

Wichtig an einer Kirchenglocke sei ihm der singfreudig gelöste Klang,betont Hans Jürg Gnehm. Und für die Gläubigen natürlich auch die zierdenreichen Bibelverse und Inschriften. Darin komme ihre tiefe Verehrung für das einzigartige Kircheninstrument überaus kunstvoll zum Ausdruck. Meist werde auch jede einzelne Glocke mit einer bestimmten Funktion und einem eigenen Namen bedacht.Sie sind nach Heiligen benannt oder heissen "Arme Seelen", "Gruss der Engel" oder "Silberglöcklein". Und neuerdings läutet in Thusis gar eine dem Dichter-Pfarrer Kurt Marti gewidmete Glocke.

Gemeinde/Einwohner/Jahr Beanstandung am Kirchengeläut Massnahmen
Elgg
3544, 2002
Anfrage ob das 5-Uhr-Geläut verschoben werden kann. Kirchenpflege behandelt das Anliegen in den nächsten Wochen.
Maschwanden
574, 2002
Neuzuzüger störten sich am Frühgeläut um 4.45 Uhr und bereifen sich auf die Polizeiverordnung, die zwischen 22 und 6 Uhr Lärm verbietet. Verschiebung des Frühgeläuts auf 6 Uhr stiess bei der Dorfbevölkerung auf Widerstand. Um weiterhin 4.45 Uhr läuten zu können, änderte der Gemeinderat die Polizeiverordnung, die jetzt das Kirchengeläut als "störenden Lärm" ausdrücklich ausschliesst. Beschwerde beim Bezirksrat hängig.
Stallikon
2580, 2002
Bei der Kirchenpflege gingen einzelneBeschwerden wegen des Frühgeläuts ein. Kirchenpflege entschied, das Morgengeläut von 6 auf 7 Uhr zu verschieben. Neu wurde ein Artikel über die kulturelle Bedeutung des Kirchengeläuts in der Polizeiverordnung aufgenommen.
Greifensee
5202, 2002
Ein Anwohner störte sich am 6-Uhr-Geläut, weil er unter "schweren Schlafstörungen" leidet. Aussprache im September. Städtlibewohner wollten am Frühgeläut festhalten. Technische Massnahmen sollen Läutton dämpfen. Aussetzen des Stundensschlags von 21 b is 6 Uhr. Neubeurteilung nach Ende der Testphase im Dezember.
ZH-Hottingen, Kreuzkirche
2002
Initiative eines Ehepaars, welches die sofortige Einstellung der Stundenschläge verlangte. Kirchgemeindeversammlung im April lehnte die Initiative ab. Technische Massnahmen zur Dämpung des Glockenschlags werden geprüft. Zudem ermittelt die Kirchenpflege mit einer Umfrage unter allen Anwohnern, wieweit sie sich durch den Glockenschlag gestört fühlen (Auswertung Ende Oktober)
Adliswil
15'458, 2002
Keine aktuellen Reklamationen Morgen-Geläut wurde "vorbeugend" aufgrund von Zeitungsberichten von 6.30 auf 7 Uhr verschoben.
Mettmenstetten
3661, 2002
Zwei Beschwerden verlangten, das Morgengeläut von 5 auf 7 Uhr zu verschieben Kirchenpflege kam dem Begehren nach und passte das Morgenläuten den Bestimmungen der Polizeiverordnung an. Ergänzung der Polizeiverordnung auf Antrag der Kirchenpflege mit einem Artikel über die kulturelle Bedeutung des Kirchengeläuts.
ZH-Glaubten
2002
Reklamation wegen 7-Uhr-Geläut Kirchenpflege erklärte den Zweck des Morgenläutens. Stundenschlag bleibt von 22 bis 6 Uhr ausgeschaltet.
ZH-Wollishofen
2002
Reklamationen von Nachbarn wegen des nächtlichen Stundenschlags. Versuchshalber wurde der Stundenschlag von 22 bis 7 Uhr ausgesetzt, jedoch im Frühjahr aufgrund von Zuschriften und Voten an der Kirchgemeindeversammlung wieder eingeführt.
Zumikon
4598, 2002
Einzelne Gemeindeglieder gaben auf die Nachfrage der Kirchenpflege an, dass sie das Geläute als Lärm empfinden. Kirchenpflege verschob das Morgenläuten von 6 auf 7 Uhr und lässt es am Samstag ganz ausfallen.
Bäretswil
4598, 2002
Anwohner klagte wegen des 5-Uhr-Geläuts beim Gemeinderat. Gemeinderat nahm mit Kirchenpflege Kontakt auf. Verschiebung des Frühgeläuts auf 6 Uhr.
Herrliberg
5496, 2002
Anwohner verlangte Verschiebung des Frühgeläuts von 6 auf 7 Uhr mit Verweis auf die Polizeiverordnung. Kirchenpflege trat auf das Anliegen ein.
Wangen-Brüttisellen
6026, 2001
Anwohner forderte, das "Terrorgeläut in aller Herrgottsfrühe" einzustellen (6 Uhr) und auf 7 Uhr zu verschieben. Kirchenpflege ging nicht darauf ein. Gemeinderat beantragte jedoch der Kirchgemeindeversammlung eine Änderung der Läutordnung. Das Begehren wurde mit 27 zu 10 Stimmen verworfen. - Anwohner klagte und bekam vom Verwaltungsgericht Recht, weil die lokale Polizeiordnung Lärm erst ab 7 Uhr erlaubt.
Uster
27'762, 2001
Reklamationen wegen 5.30-Uhr-Geläuts Kirchenpflege und Stadtrat beschlossen, das Morgengeläut auf 7 Uhr zu verschieben.
Richterswil
10'430, 2001
Die Kirchenpflege wurde mehrfach gebeten, das Frühgeläut zu verschieben Kirchenpflege beschliesst, das Frühgeläut von 6 auf 7 Uhr zu verschieben. Seit vielen Jahren ist der Stundenschlag zwischen 22 und 6 Uhr ausgesetzt (Kirche steht neben dem Spital).
Dietlikon
6106, 2001
Reklamationen wegen Mehrbelastung durch Fluglärm (Pistenumbau), gegen den man nichts ausrichten konnte Kirchenpflege verzichtete auf den Stundenschlag zwischen 24 und 6 Uhr.
Rifferswil
721, 2001
Kritische Anfragen wegen 5-Uhr-Geläuts Kirchenpflege erklärte die Bedeutung des Morgengeläuts. Vorläuten am Sunntag wurde von 8 auf 8.30 verschoben.
Wädenswil
19'074, 2000
Anfrage wegen Änderung der Läutordnung Stadtrat und Kirchenpflege lehten ab. Morgengeläut weiterhin um 6 Uhr.
Bubikon
5302, 2000
Begehren auf Verschiebung des Morgengeläuts auf 7 Uhr. Weil die lokale Polizeiverordnung "störenden Lärm" lediglich vor 6 Uhr verietet, blitzte der Beschwerdeführer vor Bundesgericht ab.




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